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BUCH DER LIEDER by HEINRICH HEINE

Part 4 out of 4

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Wasserfall und Tannenb�ume,
Und der K�nig schlummert ein.

Unterdessen mu� regieren
Der Minister, jener Hund,
Dessen knurriges Gebelle
Widerhallet in der Rund.

Schl�frig lallt der junge K�nig:
"Das Regieren ist so schwer;
Ach, ich wollt, da� ich zu Hause
Schon bei meiner K�n'gin w�r!

"In den Armen meiner K�n'gin
Ruht mein K�nigshaupt so weich,
Und in ihren sch�nen Augen
Liegt mein unerme�lich Reich!"

Auf dem Brocken

Heller wird es schon im Osten
Durch der Sonne kleines Glimmen,
Weit und breit die Bergesgipfel
In dem Nebelmeere schwimmen.

H�tt ich Siebenmeilenstiefel,
Lief ich, mit der Hast des Windes,
�ber jene Bergesgipfel,
Nach dem Haus des lieben Kindes.

Von dem Bettchen, wo sie schlummert,
Z�g ich leise die Gardinen,
Leise k��t ich ihre Stirne,
Leise ihres Munds Rubinen.

Und noch leiser wollt ich fl�stern
In die kleinen Lilienohren:
Denk im Traum, da� wir uns lieben,
Und da� wir uns nie verloren.

Die Ilse

Ich bin die Prinzessin Ilse,
Und wohne im Ilsenstein;
Komm mit nach meinem Schlosse,
Wir wollen selig sein.

Dein Haupt will ich benetzen
Mit meiner klaren Well,
Du sollst deine Schmerzen vergessen,
Du sorgenkranker Gesell!

In meinen wei�en Armen,
An meiner wei�en Brust,
Da sollst du liegen und tr�umen
Von alter M�rchenlust.

Ich will dich k�ssen und herzen,
Wie ich geherzt und gek��t
Den lieben Kaiser Heinrich,
Der nun gestorben ist.

Es bleiben tot die Toten,
Und nur der Lebendige lebt;
Und ich bin sch�n und bl�hend,
Mein lachendes Herze bebt.

Komm in mein Schlo� herunter,
In mein kristallenes Schlo�.
Dort tanzen die Fr�ulein und Ritter,
Es jubelt der Knappentro�.

Es rauschen die seidenen Schleppen,
Es klirren die Eisensporn,
Die Zwerge trompeten und pauken,
Und fiedeln und blasen das Horn.

Doch dich soll mein Arm umschlingen,
Wie er Kaiser Heinrich umschlang; --
Ich hielt ihm zu die Ohren,
Wenn die Trompet erklang.

Die Nordsee
1825-1826

Erster Zyklus

I

Kr�nung

Ihr Lieder! Ihr meine guten Lieder!
Auf, auf! und wappnet euch!
La�t die Trompeten klingen,
Und hebt mir auf den Schild
Dies junge M�dchen,
Das jetzt mein ganzes Herz
Beherrschen soll, als K�nigin.

Heil dir! du junge K�nigin!

Von der Sonne droben
Rei� ich das strahlend rote Gold,
Und webe draus ein Diadem
F�r dein geweihtes Haupt.
Von der flatternd blauseidnen Himmelsdecke,
Worin die Nachtdiamanten blitzen,
Schneid ich ein kostbar St�ck,
Und h�ng es dir, als Kr�nungsmantel,
Um deine k�nigliche Schulter.
Ich gebe dir einen Hofstaat
Von steifgeputzten Sonetten,
Stolzen Terzinen und h�flichen Stanzen;
Als L�ufer diene dir mein Witz,
Als Hofnarr meine Phantasie,
Als Herold, die lachende Tr�ne im Wappen,
Diene dir mein Humor.
Aber ich selber, K�nigin,
Ich kniee vor dir nieder,
Und huldgend, auf rotem Sammetkissen,
�berreiche ich dir
Das bi�chen Verstand,
Das mir, aus Mitleid, noch gelassen hat
Deine Vorg�ngerin im Reich.

II

Abendd�mmerung

Am blassen Meeresstrande
Sa� ich gedankenbek�mmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer und warf
Gl�hrote Streifen auf das Wasser,
Und die wei�en, weiten Wellen,
Von der Flut gedr�ngt,
Sch�umten und rauschten n�her und n�her --
Ein seltsam Ger�usch, ein Fl�stern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen --
Mir war, als h�rt ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche M�rchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haust�r,
Zum stillen Erz�hlen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; --
W�hrend die gro�en M�dchen,
Neben duftenden Blument�pfen,
Gegen�ber am Fenster sa�en,
Rosengesichter,
L�chelnd und mondbegl�nzt.

III

Sonnenuntergang

Die gl�hend rote Sonne steigt
Hinab ins weitaufschauernde,
Silbergraue Weltenmeer;
Luftgebilde, rosig angehaucht,
Wallen ihr nach; und gegen�ber,
Aus herbstlich d�mmernden Wolkenschleiern,
Ein traurig todblasses Antlitz,
Bricht hervor der Mond,
Und hinter ihm, Lichtf�nkchen,
Nebelweit, schimmern die Sterne.

Einst am Himmel gl�nzten,
Ehlich vereint,
Luna, die G�ttin, und Sol, der Gott,
Und es wimmelten um sie her die Sterne,
Die kleinen, unschuldigen Kinder.

Doch b�se Zungen zischelten Zwiespalt,
Und es trennte sich feindlich
Das hohe, leuchtende Ehpaar.

Jetzt am Tage, in einsamer Pracht,
Ergeht sich dort oben der Sonnengott,
Ob seiner Herrlichkeit
Angebetet und vielbesungen
Von stolzen, gl�ckgeh�rteten Menschen.
Aber des Nachts,
Am Himmel, wandelt Luna,
Die arme Mutter,
Mit ihren verwaisten Sternenkindern,
Und sie gl�nzt in stiller Wehmut.
Und liebende M�dchen und sanfte Dichter
Weihen ihr Tr�nen und Lieder.

Die weiche Luna! Weiblich gesinnt,
Liebt sie noch immer den sch�nen Gemahl.
Gegen Abend, zitternd und bleich,
Lauscht sie hervor aus leichtem Gew�lk,
Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich,
Und m�chte ihm �ngstlich rufen: "Komm!
Komm! die Kinder verlangen nach dir --"
Aber der trotzige Sonnengott,
Bei dem Anblick der Gattin ergl�ht er
In doppeltem Purpur,
Vor Zorn und Schmerz,
Und unerbittlich eilt er hinab
In sein flutenkaltes Witwerbett.

B�se, zischelnde Zungen
Brachten also Schmerz und Verderben
Selbst �ber ewige G�tter.
Und die armen G�tter, oben am Himmel
Wandeln sie, qualvoll,
Trostlos unendliche Bahnen,
Und k�nnen nicht sterben,
Und schleppen mit sich
Ihr strahlendes Elend.

Ich aber, der Mensch,
Der niedriggepflanzte, der Tod-begl�ckte,
Ich klage nicht l�nger.

IV

Die Nacht am Strande

Sternlos und kalt ist die Nacht,
Es g�rt das Meer;
Und �ber dem Meer, platt auf dem Bauch,
Liegt der ungestaltete Nordwind,
Und heimlich, mit �chzend ged�mpfter Stimme,
Wie'n st�rriger Griesgram, der gutgelaunt wird,
Schwatzt er ins Wasser hinein,
Und erz�hlt viel tolle Geschichten,
Riesenm�rchen, totschlaglaunig,
Uralte Sagen aus Norweg,
Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er
Beschw�rungslieder der Edda,
Auch Runenspr�che,
So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,
Da� die wei�en Meerkinder
Hoch aufspringen und jauchzen,
�bermutberauscht.

Derweilen, am flachen Gestade,
�ber den flutbefeuchteten Sand,
Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen,
Das wilder noch als Wind und Wellen.
Wo er hintritt,
Spr�hen Funken und knistern die Muscheln;
Und er h�llt sich fest in den grauen Mantel,
Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; --
Sicher geleitet vom kleinen Lichte,
Das lockend und lieblich schimmert
Aus einsamer Fischerh�tte.

Vater und Bruder sind auf der See,
Und mutterseelallein blieb dort
In der H�tte die Fischertochter,
Die wundersch�ne Fischertochter.
Am Herde sitzt sie,
Und horcht auf des Wasserkessels
Ahnungss��es, heimliches Summen,
Und sch�ttet knisterndes Reisig ins Feuer,
Und bl�st hinein,
Da� die flackernd roten Lichter
Zauberlieblich widerstrahlen
Auf das bl�hende Antlitz,
Auf die zarte, wei�e Schulter,
Die r�hrend hervorlauscht
Aus dem groben, grauen Hemde,
Und auf die kleine, sorgsame Hand,
Die das Unterr�ckchen fester bindet
Um die feine H�fte.

Aber pl�tzlich, die T�r springt auf,
Und es tritt herein der n�chtige Fremdling:
Liebessicher ruht sein Auge
Auf dem wei�en, schlanken M�dchen,
Das schauernd vor ihm steht,
Gleich einer erschrockenen Lilie;
Und er wirft den Mantel zur Erde,
Und lacht und spricht:

Siehst du, mein Kind, ich halte Wort,
Und ich komme, und mit mir kommt
Die alte Zeit, wo die G�tter des Himmels
Niederstiegen zu T�chtern der Menschen,
Und die T�chter der Menschen umarmten,
Und mit ihnen zeugten
Zeptertragende K�nigsgeschlechter
Und Helden, Wunder der Welt.
Doch staune, mein Kind, nicht l�nger
Ob meiner G�ttlichkeit,
Und, ich bitte dich, koche mir Tee mit Rum,
Denn drau�en war's kalt,
Und bei solcher Nachtluft
Frieren auch wir, wir ewigen G�tter,
Und kriegen wir leicht den g�ttlichsten Schnupfen,
Und einen unsterblichen Husten.

V

Poseidon

Die Sonnenlichter spielten
�ber das weithinrollende Meer;
Fern auf der Reede gl�nzte das Schiff,
Das mich zur Heimat tragen sollte;
Aber es fehlte an gutem Fahrwind.
Und ich sa� noch ruhig auf wei�er D�ne,
Am einsamen Strand,
Und ich las das Lied vom Odysseus,
Das alte, das ewig junge Lied,
Aus dessen meerdurchrauschten Bl�ttern
Mir freudig entgegenstieg
Der Atem der G�tter,
Und der leuchtende Menschenfr�hling,
Und der bl�hende Himmel von Hellas.

Mein edles Herz begleitete treulich
Den Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal
Setzte sich mit ihm, seelenbek�mmert,
An gastliche Herde,
Wo K�niginnen Purpur spinnen,
Und half ihm l�gen und gl�cklich entrinnen
Aus Riesenh�hlen und Nymphenarmen,
Folgte ihm nach in kimmerische Nacht,
Und in Sturm und Schiffbruch,
Und duldete mit ihm uns�gliches Elend.

Seufzend sprach ich: Du b�ser Poseidon,
Dein Zorn ist furchtbar,
Und mir selber bangt
Ob der eigenen Heimkehr.

Kaum sprach ich die Worte,
Da sch�umte das Meer,
Und aus den wei�en Wellen stieg
Das schilfbekr�nzte Haupt des Meergotts,
Und h�hnisch rief er:
F�rchte dich nicht, Poetlein!
Ich will nicht im geringsten gef�hrden
Dein armes Schiffchen,
Und nicht dein liebes Leben be�ngstgen
Mit allzu bedenklichem Schaukeln.
Denn du, Poetlein, hast nie mich erz�rnt,
Du hast kein einziges T�rmchen verletzt
An Priamos' heiliger Feste,
Kein einziges H�rchen hast du versengt
Am �ug meines Sohns Polyphemos,
Und dich hat niemals ratend besch�tzt
Die G�ttin der Klugheit, Pallas Athene.

Also rief Poseidon
Und tauchte zur�ck ins Meer;
Und �ber den groben Seemannswitz
Lachten unter dem Wasser
Amphitrite, das plumpe Fischweib,
Und die dummen T�chter des Nereus.

VI

Erkl�rung

Heranged�mmert kam der Abend,
Wilder toste die Flut,
Und ich sa� am Strand, und schaute zu
Dem wei�en Tanz der Wellen,
Und meine Brust schwoll auf wie das Meer,
Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh
Nach dir, du holdes Bild,
Das �berall mich umschwebt,
Und �berall mich ruft,
�berall, �berall,
Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers,
Und im Seufzen der eigenen Brust.

Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand:
"Agnes, ich liebe dich!"
Doch b�se Wellen ergossen sich
�ber das s��e Bekenntnis,
Und l�schten es aus.

Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand,
Zerflie�ende Wellen, euch trau ich nicht mehr!
Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder,
Und mit starker Hand, aus Norwegs W�ldern,
Rei� ich die h�chste Tanne,
Und tauche sie ein
In des �tnas gl�henden Schlund, und mit solcher
Feuergetr�nkten Riesenfeder
Schreib ich an die dunkle Himmelsdecke:
"Agnes, ich liebe dich!"

Jedwede Nacht lodert alsdann
Dort oben die ewige Flammenschrift,
Und alle nachwachsende Enkelgeschlechter
Lesenjauchzend die Himmelsworte:
"Agnes, ich liebe dich!"

VII

Nachts in der Kaj�te

Das Meer hat seine Perlen,
Der Himmel hat seine Sterne,
Aber mein Herz, mein Herz,
Mein Herz hat seine Liebe.

Gro� ist das Meer und der Himmel,
Doch gr��er ist mein Herz,
Und sch�ner als Perlen und Sterne
Leuchtet und strahlt meine Liebe.

Du kleines, junges M�dchen,
Komm an mein gro�es Herz;
Mein Herz und das Meer und der Himmel
Vergehn vor lauter Liebe.

* * *

An die blaue Himmelsdecke,
Wo die sch�nen Sterne blinken,
M�cht ich pressen meine Lippen,
Pressen wild und st�rmisch weinen.

Jene Sterne sind die Augen
Meiner Liebsten, tausendf�ltig
Schimmern sie und gr��en freundlich
Aus der blauen Himmelsdecke.

Nach der blauen Himmelsdecke,
Nach den Augen der Geliebten,
Heb ich andachtsvoll die Arme,
Und ich bitte und ich flehe:

Holde Augen, Gnadenlichter,
O, beseligt meine Seele,
La�t mich sterben und erwerben
Euch und euren ganzen Himmel!

* * *

Aus den Himmelsaugen droben
Fallen zitternd goldne Funken
Durch die Nacht, und meine Seele
Dehnt sich liebeweit und weiter.

O, ihr Himmelsaugen droben!
Weint euch aus in meine Seele
Da� von lichten Sternentr�nen
�berflie�et meine Seele.

* * *

Eingewiegt von Meereswellen,
Und von tr�umenden Gedanken,
Lieg ich still in der Kaj�te,
In dem dunkeln Winkelbette.

Durch die offne Luke schau ich
Droben hoch die hellen Stern
Die geliebten, s��en Augen
Meiner s��en Vielgeliebten.

Die geliebten, s��en Augen
Wachen �ber meinem Haupte,
Und sie blinken und sie winken
Aus der blauen Himmelsdecke.

Nach der blauen Himmelsdecke
Schau ich selig lange Stunden,
Bis ein wei�er Nebelschleier
Mir verh�llt die lieben Augen.

* * *

An die bretterne Schiffswand,
Wo mein tr�umendes Haupt liegt,
Branden die Wellen, die wilden Wellen.
Sie rauschen und murmeln
Mir heimlich ins Ohr:
"Bet�rter Geselle!
Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weit
Und die Sterne droben sind festgenagelt,
Mit goldnen N�geln --
Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen,
Das beste w�re. du schliefest ein."

* * *

Es tr�umte mir von einer weiten Heide,
Weit �berdeckt von stillem, wei�em Schnee,
Und unterm wei�en Schnee lag ich begraben
Und schlief den einsam kalten Todesschlaf.
Doch droben aus dem dunkeln Himmel schauten
Herunter auf mein Grab die Sternenaugen,
Die s��en Augen! und sie gl�nzten sieghaft
Und ruhig heiter, aber voller Liebe.

VIII

Sturm

Es w�tet der Sturm,
Und er peitscht die Wellen,
Und die Wellen, wutsch�umend und b�umend,
T�rmen sich auf, und es wogen lebendig
Die wei�en Wasserberge,
Und das Schifflein erklimmt sie,
Hastig m�hsam,
Und pl�tzlich st�rzt es hinab
In schwarze, weitg�hnende Flutabgr�nde --

O Meer!
Mutter der Sch�nheit, der Schaumentstiegenen!
Gro�mutter der Liebe! schone meiner!
Schon flattert, leichenwitternd,
Die wei�e, gespenstige M�we,
Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,
Und lechzt, voll Fra�begier, nach dem Herzen,
Das vom Ruhm deiner Tochter ert�nt
Und das dein Enkel, der kleine Schalk,
Zum Spielzeug erw�hlt.

Vergebens mein Bitten und Flehn!
Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,
Im Schlachtl�rm der Winde.
Es braust und pfeift und prasselt und heult,
Wie ein Tollhaus von T�nen!
Und zwischendurch h�r ich vernehmbar
Lockende Harfenlaute,
Sehnsuchtwilden Gesang,
Seelenschmelzend und seelenzerrei�end,
Und ich erkenne die Stimme.

Fern an schottischer Felsenk�ste,
Wo das graue Schl��lein hinausragt
�ber die brandende See,
Dort, am hochgew�lbten Fenster,
Steht eine sch�ne, kranke Frau,
Zartdurchsichtig und marmorbla�,
Und sie spielt die Harfe und singt,
Und der Wind durchw�hlt ihre langen Locken,
Und tr�gt ihr dunkles Lied
�ber das weite, st�rmende Meer.

IX

Meeresstille

Meeresstille! Ihre Strahlen
Wirft die Sonne auf das Wasser,
Und im wogenden Geschmeide
Zieht das Schiff die gr�nen Furchen.

Bei dem Steuer liegt der Bootsmann
Auf dem Bauch, und schnarchet leise.
Bei dem Mastbaum, segelflickend,
Kauert der beteerte Schiffsjung.

Hinterm Schmutze seiner Wangen
Spr�ht es rot, wehm�tig zuckt es
Um das breite Maul, und schmerzlich
Schaun die gro�en, sch�nen Augen.

Denn der Kapit�n steht vor ihm,
Tobt und flucht und schilt ihn: Spitzbub.
"Spitzbub! einen Hering hast du
Aus der Tonne mir gestohlen!"

Meeresstille! Aus den Wellen
Taucht hervor ein kluges Fischlein,
W�rmt das K�pfchen in der Sonne,
Pl�tschert lustig mit dem Schw�nzchen.

Doch die M�we, aus den L�ften,
Schie�t herunter auf das Fischlein,
Und den raschen Raub im Schnabel,
Schwingt sie sich hinauf ins Blaue.

X

Seegespenst

Ich aber lag am Rande des Schiffes,
Und schaute, tr�umenden Auges,
Hinab in das spiegelklare Wasser,
Und schaute tiefer und tiefer --
Bis tief, im Meeresgrunde,
Anfangs wie d�mmernde Nebel,
Jedoch allm�hlich farbenbestimmter,
Kirchenkuppel und T�rme sich zeigten,
Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,
Altert�mlich niederl�ndisch,
Und menschenbelebt.
Bed�chtige M�nner, schwarzbem�ntelt,
Mit wei�en Halskrausen und Ehrenketten
Und langen Degen und langen Gesichtern,
Schreiten �ber den wimmelnden Marktplatz,
Nach dem treppenhohen Rathaus,
Wo steinerne Kaiserbilder
Wacht halten mit Zepter und Schwert.
Unferne, vor langen H�userreihn,
Wo spiegelblanke Fenster
Und pyramidisch beschnittene Linden,
Wandeln seidenrauschende Jungfern,
Schlanke Leibchen, die Blumengesichter
Sittsam umschlossen von schwarzen M�tzchen
Und hervorquellendem Goldhaar.
Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,
Stolzieren vor�ber und nicken.
Bejahrte Frauen,
In braunen, verschollnen Gew�ndern,
Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,
Eilen, trippelnden Schritts,
Nach dem gro�en Dome,
Getrieben von Glockengel�ute
Und rauschendem Orgelton.

Mich selbst ergreift des fernen Klangs
Geheimnisvoller Schauer!
Unendliches Sehnen, tiefe Wehmut
Beschleicht mein Herz,
Mein kaum geheiltes Herz; --
Mir ist, als w�rden seine Wunden
Von lieben Lippen aufgek��t,
Und t�ten wieder bluten --
Hei�e, rote Tropfen,
Die lang und langsam niederfalln
Auf ein altes Haus, dort unten
In der tiefen Meerstadt,
Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,
Das melancholisch menschenleer ist,
Nur da� am untern Fenster
Ein M�dchen sitzt,
Den Kopf auf den Arm gest�tzt,
Wie ein armes, vergessenes Kind --
Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind!

So tief, meertief also
Verstecktest du dich vor mir,
Aus kindischer Laune,
Und konntest nicht mehr herauf,
Und sa�est fremd unter fremden Leuten,
Jahrhunderte lang,
Derweilen ich, die Seele voll Gram,
Auf der ganzen Erde dich suchte,
Und immer dich suchte,
Du Immergeliebte,
Du L�ngstverlorene,
Du Endlichgefundene --
Ich hab dich gefunden und schaue wieder
Dein s��es Gesicht,
Die klugen, treuen Augen,
Das liebe L�cheln --

Und nimmer will ich dich wieder verlassen,
Und ich komme hinab zu dir,
Und mit ausgebreiteten Armen
St�rz ich hinab an dein Herz --

Aber zur rechten Zeit noch
Ergriff mich beim Fu� der Kapit�n,
Und zog mich vom Schiffsrand,
Und rief, �rgerlich lachend:
Doktor, sind Sie des Teufels?

XI

Reinigung

Bleib du in deiner Meerestiefe,
Wahnsinniger Traum,
Der du einst so manche Nacht
Mein Herz mit falschem Gl�ck gequ�lt hast,
Und jetzt, als Seegespenst,
Sogar am hellen Tag mich bedrohest --
Bleib du dort unten, in Ewigkeit,
Und ich werfe noch zu dir hinab
All meine Schmerzen und S�nden,
Und die Schellenkappe der Torheit,
Die so lange mein Haupt umklingelt,
Und die kalte, glei�ende Schlangenhaut
Der Heuchelei,
Die mir so lang die Seele umwunden,
Die kranke Seele,
Die gottverleugnende, engelverleugnende,
Unselige Seele --
Hoiho! hoiho! Da kommt der Wind!
Die Segel auf! Sie flattern und schwelln!
�ber die stillverderbliche Fl�che
Eilet das Schiff,
Und es jauchzt die befreite Seele.

XII

Frieden

Hoch am Himmel stand die Sonne,
Von wei�en Wolken umwogt,
Das Meer war still,
Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,
Tr�umerisch sinnend, -- und halb im Wachen
Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,
Den Heiland der Welt.
Im wallend wei�en Gewande
Wandelt er riesengro�
�ber Land und Meer;
Es ragte sein Haupt in den Himmel,
Die H�nde streckte er segnend
�ber Land und Meer;
Und als ein Herz in der Brust
Trug er die Sonne,
Die rote, flammende Sonne,
Und das rote, flammende Sonnenherz
Go� seine Gnadenstrahlen
Und sein holdes, liebseliges Licht,
Erleuchtend und w�rmend,
�ber Land und Meer.

Glockenkl�nge zogen feierlich
Hin und her, zogen wie Schw�ne,
An Rosenb�ndern, das gleitende Schiff,
Und zogen es spielend ans gr�ne Ufer,
Wo Menschen wohnen, in hochget�rmter,
Ragender Stadt.

O Friedenswunder! Wie still die Stadt!
Es ruhte das dumpfe Ger�usch
Der schwatzenden, schw�len Gewerbe,
Und durch die reinen, hallenden Stra�en
Wandelten Menschen, wei�gekleidete,
Palmzweigtragende,
Und wo sich zwei begegneten,
Sahn sie sich an, verst�ndnisinnig,
Und schauernd, in Liebe und s��er Entsagung,
K��ten sie sich auf die Stirne,
Und schauten hinauf
Nach des Heilands Sonnenherzen,
Das freudig vers�hnend sein rotes Blut
Hinunterstrahlte,
Und dreimalselig sprachen sie:
Gelobt sei Jesu Christ!

Zweiter Zyklus

I

Meergru�

Thalatta! Thalatta!
Sei mir gegr��t, du ewiges Meer!
Sei mir gegr��t zehntausendmal,
Aus jauchzendem Herzen,
Wie einst dich begr��ten
Zehntausend Griechenherzen,
Ungl�ckbek�mpfende, heimatverlangende,
Weltber�hmte Griechenherzen.

Es wogten die Fluten,
Sie wogten und brausten,
Die Sonne go� eilig herunter
Die spielenden Rosenlichter,
Die aufgescheuchten M�wenz�ge
Flatterten fort, lautschreiend,
Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilde,
Und weithin erscholl es, wie Siegesruf:
Thalatta! Thalatta!

Sei mir gegr��t, du ewiges Meer!
Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,
Wie Tr�ume der Kindheit seh ich es flimmern
Auf deinem wogenden Wellengebiet,
Und alte Erinnrung erz�hlt mir aufs neue
Von all dem lieben, herrlichen Spielzeug,
Von all den blinkenden Weihnachtsgaben,
Von all den roten Korallenb�umen,
Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln,
Die du geheimnisvoll bewahrst,
Dort unten im klaren Kristallhaus.

O! wie hab ich geschmachtet in �der Fremde!
Gleich einer welken Blume
In des Botanikers blecherner Kapsel,
Lag mir das Herz in der Brust.
Mir ist, als s��e ich winterlange,
Ein Kranker, in dunkler Krankenstube,
Und nun verla� ich sie pl�tzlich,
Und blendend strahlt mir entgegen
Der smaragdene Fr�hling, der sonnengeweckte,
Und es rauschen die wei�en Bl�tenb�ume,
Und die jungen Blumen schauen mich an,
Mit bunten, duftenden Augen,
Und es duftet und summt, und atmet und lacht,
Und im blauen Himmel singen die V�glein --
Thalatta! Thalatta!

Du tapferes R�ckzugherz!
Wie oft, wie bitteroft
Bedr�ngten dich des Nordens Barbarinnen!
Aus gro�en, siegenden Augen
Schossen sie brennende Pfeile;
Mit krummgeschliffenen Worten
Drohten sie mir die Brust zu spalten;
Mit Keilschriftbilletts zerschlugen sie mir
Das arme, bet�ubte Gehirn --
Vergebens hielt ich den Schild entgegen,
Die Pfeile zischten, die Hiebe krachten,
Und von des Nordens Barbarinnen
Ward ich gedr�ngt bis ans Meer,
Und frei aufatmend begr�� ich das Meer,
Das liebe, rettende Meer --
Thalatta! Thalatta!

II

Gewitter

Dumpf liegt auf dem Meer das Gewitter,
Und durch die schwarze Wolkenwand
Zuckt der zackige Wetterstrahl,
Rasch aufleuchtend und rasch verschwindend,
Wie ein Witz aus dem Haupte Kronions.
�ber das w�ste, wogende Wasser
Weithin rollen die Donner
Und springen die wei�en Wellenrosse,
Die Boreas selber gezeugt
Mit des Erichthons reizenden Stuten,
Und es flattert �ngstlich das Seegev�gel,
Wie Schattenleichen am Styx,
Die Charon abwies vom n�chtlichen Kahn.

Armes, lustiges Schifflein,
Das dort dahintanzt den schlimmsten Tanz!
�olus schickt ihm die flinksten Gesellen,
Die wild aufspielen zum fr�hlichen Reigen;
Der eine pfeift, der andre bl�st,
Der dritte streicht den dumpfen Brummba� --
Und der schwankende Seemann steht am Steuer,
Und schaut best�ndig nach der Bussole,
Der zitternden Seele des Schiffes,
Und hebt die H�nde flehend zum Himmel:
O rette mich, Kastor, reisiger Held!
Und du, K�mpfer der Faust, Polydeukes!

III

Der Schiffbr�chige

Hoffnung und Liebe! Alles zertr�mmert!
Und ich selber, gleich einer Leiche,
Die grollend ausgeworfen das Meer,
Lieg ich am Strande,
Am �den, kahlen Strande.
Vor mir woget die Wasserw�ste,
Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,
Und �ber mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen T�chter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser sch�pfen,
Und es m�hsam schleppen und schleppen,
Und es wieder versch�tten ins Meer,
Ein tr�bes, langweilges Gesch�ft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die M�wen schrillen,
Alte Erinnerungen wehen mich an,
Vergessene Tr�ume, erloschene Bilder,
Qualvoll s��e, tauchen hervor!

Es lebt ein Weib im Norden,
Ein sch�nes Weib, k�niglich sch�n.
Die schlanke Zypressengestalt
Umschlie�t ein l�stern wei�es Gewand;
Die dunkle Lockenf�lle,
Wie eine selige Nacht,
Von dem flechtengekr�nten Haupt sich ergie�end,
Ringelt sich tr�umerisch s��
Um das s��e, blasse Antlitz;
Und aus dem s��en, blassen Antlitz,
Gro� und gewaltig, strahlt ein Auge,
Wie eine schwarze Sonne.

O, du schwarze Sonne, wie oft,
Entz�ckend oft, trank ich aus dir
Die wilden Begeistrungsflammen,
Und stand und taumelte, feuerberauscht --
Dann schwebte ein taubenmildes L�cheln
Um die hochgesch�rzten, stolzen Lippen,
Und die hochgesch�rzten, stolzen Lippen
Hauchten Worte, s�� wie Mondlicht,
Und zart wie der Duft der Rose --
Und meine Seele erhob sich
Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und M�wen!
Vor�ber ist alles, Gl�ck und Hoffnung,
Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden,
Ein �der, schiffbr�chiger Mann,
Und dr�cke mein gl�hendes Antlitz
In den feuchten Sand.

IV

Untergang der Sonne

Die sch�ne Sonne
Ist ruhig hinabgestiegen ins Meer;
Die wogenden Wasser sind schon gef�rbt
Von der dunkeln Nacht,
Nur noch die Abendr�te
�berstreut sie mit goldnen Lichtern;
Und die rauschende Flutgewalt
Dr�ngt ans Ufer die wei�en Wellen,
Die lustig und hastig h�pfen,
Wie wollige L�mmerherden,
Die abends der singende Hirtenjunge
Nach Hause treibt.

Wie sch�n ist die Sonne!
So sprach nach langem Schweigen der Freund,
Der mit mir am Strande wandelte,
Und scherzend halb und halb wehm�tig
Versichert' er mir: die Sonne sei
Eine sch�ne Frau, die den alten Meergott
Aus Konvenienz geheiratet;
Des Tages �ber wandle sie freudig
Am hohen Himmel, purpurgeputzt,
Und diamantenblitzend,
Und allgeliebt und allbewundert
Von allen Weltkreaturen,
Und alle Weltkreaturen erfreuend
Mit ihres Blickes Licht und W�rme;
Aber des Abends, trostlos gezwungen,
Kehre sie wieder zur�ck
In das nasse Haus, in die �den Arme
Des greisen Gemahls.

"Glaub mirs" -- setzte hinzu der Freund,
Und lachte und seufzte und lachte wieder --
"Die f�hren dort unten die z�rtlichste Ehe!
Entweder sie schlafen oder sie zanken sich,
Da� hochaufbraust hier oben das Meer,
Und der Schiffer im Wellenger�usch es h�rt,
Wie der Alte sein Weib ausschilt:
'Runde Metze des Weltalls!
Strahlenbuhlende!
Den ganzen Tag gl�hst du f�r andre,
Und nachts, f�r mich, bist du frostig und m�de!'
Nach solcher Gardinenpredigt,
Versteht sich! bricht dann aus in Tr�nen
Die stolze Sonne und klagt ihr Elend,
Und klagt so jammerlang, da� der Meergott
Pl�tzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt,
Und schnell nach der Meeresfl�che heraufschwimmt,
Um Luft und Besinnung zu sch�pfen.

"So sah ich ihn selbst, verflossene Nacht,
Bis an die Brust dem Meere enttauchen.
Er trug eine Jacke von gelbem Flanell,
Und eine lilienwei�e Schlafm�tz
Und ein abgewelktes Gesicht."

V

Der Gesang Der Okeaniden

Abendlich blasser wird es am Meer,
Und einsam, mit seiner einsamen Seele,
Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand,
Und schaut, todkalten Blickes, hinauf
Nach der weiten, todkalten Himmelsw�lbung,
Und schaut auf das weite, wogende Meer --
Und �ber das weite, wogende Meer,
L�ftesegler, ziehn seine Seufzer,
Und kehren zur�ck, tr�bselig,
Und hatten verschlossen gefunden das Herz,
Worin sie ankern wollten --
Und er st�hnt so laut, da� die wei�en M�wen,
Aufgescheucht aus den sandigen Nestern,
Ihn herdenweis umflattern,
Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte:

"Schwarzbeinigte V�gel,
Mit wei�en Fl�geln meer�berflatternde,
Mit krummen Schn�beln seewassersaufende,
Und tranigtes Robbenfleisch fressende,
Eur Leben ist bitter wie eure Nahrung!
Ich aber, der Gl�ckliche, koste nur S��es!
Ich koste den s��en Duft der Rose,
Der mondscheingef�tterten Nachtigallbraut;
Ich koste noch s��eres Zuckerbackwerk,
Gef�llt mit geschlagener Sahne;
Und das Allers��este kost ich:
S��e Liebe und s��es Geliebtsein.

"Sie liebt mich! Sie liebt mich! die holde Jungfrau!
Jetzt steht sie daheim, am Erker des Hauses,
Und schaut in die D�mmrung hinaus, auf die Landstra�,
Und horcht, und sehnt sich nach mir -- wahrhaftig!
Vergebens sp�ht sie umher, und sie seufzet,
Und seufzend steigt sie hinab in den Garten,
Und wandelt in Duft und Mondschein,
Und spricht mit den Blumen, erz�hlet ihnen,
Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin
Und so liebensw�rdig -- wahrhaftig!
Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum,
Umgaukelt sie selig mein teures Bild,
Sogar des Morgens, beim Fr�hst�ck,
Auf dem gl�nzenden Butterbrote,
Sieht sie mein l�chelndes Antlitz,
Und sie fri�t es auf vor Liebe -- wahrhaftig!"

Also prahlt er und prahlt er,
Und zwischendrein schrillen die M�wen,
Wie kaltes, ironisches Kichern.
Die D�mmerungsnebel steigen herauf;
Aus violettem Gew�lk unheimlich,
Schaut hervor der grasgelbe Mond;
Hochaufrauschen die Meereswogen,
Und tief aus hochaufrauschendem Meer,
Wehm�tig wie fl�sternder Windzug,
T�nt der Gesang der Okeaniden,
Der sch�nen, mitleidigen Wasserfraun,
Vor allen vernehmbar die liebliche Stimme
Der silberf��igen Peleus-Gattin,
Und sie seufzen und singen:

O Tor, du Tor, du prahlender Tor!
Du kummergequ�lter!
Dahingemordet sind all deine Hoffnungen,
Die t�ndelnden Kinder des Herzens,
Und, ach! dein Herz, Nioben gleich,
Versteinert vor Gram!
In deinem Haupte wirds Nacht,
Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns,
Und du prahlst vor Schmerzen!
O Tor, du Tor, du prahlender Tor!
Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr,
Der hohe Titane, der himmlisches Feuer
Den G�ttern stahl und den Menschen gab,
Und geiergequ�let, felsengefesselt,
Olympauftrotzte und trotzte und st�hnte,
Da� wir es h�rten im tiefen Meer
Und zu ihm kamen mit Trostgesang.
O Tor, du Tor, du prahlender Tor!
Du aber bist ohnm�chtiger noch,
Und es w�re vern�nftig, du ehrtest die G�tter,
Und tr�gest geduldig die Last des Elends,
Und tr�gest geduldig so lange, so lange,
Bis Atlas selbst die Geduld verliert
Und die schwere Welt von den Schultern abwirft
In die ewige Nacht.

So scholl der Gesang der Okeaniden,
Der sch�nen, mitleidigen Wasserfraun,
Bis lautere Wogen ihn �berrauschten --
Hinter die Wolken zog sich der Mond,
Es g�hnte die Nacht,
Und ich sa� noch lange im Dunkeln und weinte.

VI

Die G�tter Griechenlands

Vollbl�hender Mond! In deinem Licht,
Wie flie�endes Gold, ergl�nzt das Meer;
Wie Tagesklarheit, doch d�mmrig verzaubert,
Liegts �ber der weiten Strandesfl�che;
Und am hellblaun, sternlosen Himmel
Schweben die wei�en Wolken,
Wie kolossale G�tterbilder
Von leuchtendem Marmor.

Nein, nimmermehr, das sind keine Wolken!
Das sind sie selber, die G�tter von Hellas,
Die einst so freudig die Welt beherrschten,
Doch jetzt, verdr�ngt und verstorben,
Als ungeheure Gespenster dahinziehn
Am mittern�chtlichen Himmel.

Staunend, und seltsam geblendet, betracht ich
Das luftige Pantheon,
Die feierlich stummen, graunhaft bewegten
Riesengestalten.
Der dort ist Kronion, der Himmelsk�nig,
Schneewei� sind die Locken des Haupts,
Die ber�hmten, olymposersch�tternden Locken.
Er h�lt in der Hand den erloschenen Blitz,
In seinem Antlitz liegt Ungl�ck und Gram,
Und doch noch immer der alte Stolz.
Das waren bessere Zeiten, o Zeus,
Als du dich himmlisch erg�tztest
An Knaben und Nymphen und Hekatomben;
Doch auch die G�tter regieren nicht ewig,
Die jungen verdr�ngen die alten,
Wie du einst selber den greisen Vater
Und deine Titanen-�hme verdr�ngt hast,
Jupiter Parricida!
Auch dich erkenn ich, stolze Juno!
Trotz all deiner eifers�chtigen Angst,
Hat doch eine andre das Zepter gewonnen,
Und du bist nicht mehr die Himmelsk�n'gin,
Und dein gro�es Aug ist erstarrt,
Und deine Lilienarme sind kraftlos,
Und nimmermehr trifft deine Rache
Die gottbefruchtete Jungfrau
Und den wundert�tigen Gottessohn.
Auch dich erkenn ich, Pallas Athene!
Mit Schild und Weisheit konntest du nicht
Abwehren das G�tterverderben?
Auch dich erkenn ich, auch dich, Aphrodite,
Einst die goldene! Jetzt die silberne!
Zwar schm�ckt dich noch immer des G�rtels Liebreiz,
Doch graut mir heimlich vor deiner Sch�nheit,
Und wollt mich begl�cken dein g�tiger Leib,
Wie andere Helden, ich st�rbe vor Angst --
Als Leicheng�ttin erscheinst du mir,
Venus Libitina!
Nicht mehr mit Liebe blickt nach dir,
Dort, der schreckliche Ares.
Es schaut so traurig Ph�bos Apollo,
Der J�ngling. Es schweigt seine Lei'r,
Die so freudig erklungen beim G�ttermahl.
Noch trauriger schaut Hephaistos,
Und wahrlich, der Hinkende! nimmermehr
F�llt er Heben ins Amt,
Und schenkt gesch�ftig, in der Versammlung,
Den lieblichen Nektar -- Und l�ngst ist erloschen
Das unausl�schliche G�ttergel�chter.

Ich hab euch niemals geliebt, ihr G�tter!
Denn widerw�rtig sind mir die Griechen,
Und gar die R�mer sind mir verha�t.
Doch heilges Erbarmen und schauriges Mitleid
Durchstr�mt mein Herz,
Wenn ich euch jetzt da droben schaue,
Verlassene G�tter,
Tote, nachtwandelnde Schatten,
Nebelschwache, die der Wind verscheucht --
Und wenn ich bedenke, wie feig und windig
Die G�tter sind, die euch besiegten,
Die neuen, herrschenden, tristen G�tter,
Die schadenfrohen im Schafspelz der Demut --
O, da fa�t mich ein d�sterer Groll,
Und brechen m�cht ich die neuen Tempel,
Und k�mpfen f�r euch, ihr alten G�tter,
F�r euch und eur gutes, ambrosisches Recht,
Und vor euren hohen Alt�ren,
Den wiedergebauten, den opferdampfenden,
M�cht ich selber knieen und beten,
Und flehend die Arme erheben --

Denn immerhin, ihr alten G�tter,
Habt ihr's auch ehmals, im K�mpfen der Menschen,
Stets mit der Partei der Sieger gehalten,
So ist doch der Mensch gro�m�tger als ihr,
Und im G�tterk�mpfen halt ich es jetzt
Mit der Partei der besiegten G�tter.

* * *

Also sprach ich, und sichtbar err�teten
Droben die blassen Wolkengestalten,
Und schauten mich an wie Sterbende,
Schmerzenverkl�rt, und schwanden pl�tzlich.
Der Mond verbarg sich eben
Hinter Gew�lk, das dunkler heranzog;
Hochaufrauschte das Meer,
Und siegreich traten hervor am Himmel
Die ewigen Sterne.

VII

Fragen

Am Meer, am w�sten, n�chtlichen Meer
Steht ein J�ngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit d�stern Lippen fragt er die Wogen:

"O l�st mir das R�tsel des Lebens,
Das qualvoll uralte R�tsel,
Wor�ber schon manche H�upter gegr�belt,
H�upter in Hieroglyphenm�tzen,
H�upter in Turban und schwarzem Barett,
Per�ckenh�upter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenh�upter --
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"

Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichg�ltig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

VIII

Der Ph�nix

Es kommt ein Vogel geflogen aus Westen,
Er fliegt gen Osten,
Nach der �stlichen Gartenheimat,
Wo Spezereien duften und wachsen,
Und Palmen rauschen und Brunnen k�hlen --
Und fliegend singt der Wundervogel:

"Sie liebt ihn! sie liebt ihn!
Sie tr�gt sein Bildnis im kleinen Herzen,
Und tr�gt es s�� und heimlich verborgen,
Und wei� es selbst nicht!
Aber im Traume steht er vor ihr,
Sie bittet und weint und k��t seine H�nde,
Und ruft seinen Namen,
Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken,
Und reibt sich verwundert die sch�nen Augen --
Sie liebt ihn! sie liebt ihn!"

* * *

An den Mastbaum gelehnt, auf dem hohen Verdeck,
Stand ich und h�rt ich des Vogels Gesang.
Wie schwarzgr�ne Rosse mit silbernen M�hnen,
Sprangen die wei�gekr�uselten Wellen;
Wie Schw�nenz�ge schifften vor�ber,
Mit schimmernden Segeln, die Helgolander,
Die kecken Nomaden der Nordsee;
�ber mir, in dem ewigen Blau,
Flatterte wei�es Gew�lk
Und prangte die ewige Sonne,
Die Rose des Himmels, die feuerbl�hende,
Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; --
Und Himmel und Meer und mein eigenes Herz
Ert�nten im Nachhall:
Sie liebt ihn! sie liebt ihn!

IX

Im Hafen

Gl�cklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,
Und hinter sich lie� das Meer und die St�rme,
Und jetzo warm und ruhig sitzt
Im guten Ratskeller zu Bremen.

Wie doch die Welt so traulich und lieblich
Im R�merglas sich widerspiegelt,
Und wie der wogende Mikrokosmus
Sonnig hinabflie�t ins durstige Herz!
Alles erblick ich im Glas,
Alte und neue V�lkergeschichte,
T�rken und Griechen, Hegel und Gans,
Zitronenw�lder und Wachtparaden,
Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg,
Vor allem aber das Bild der Geliebten,
Das Engelk�pfchen auf Rheinweingoldgrund.

O, wie sch�n! wie sch�n bist du, Geliebte!
Du bist wie eine Rose!
Nicht wie die Rose von Schiras,
Die hafisbesungene Nachtigallbraut;
Nicht wie die Rose von Saron,
Die heiligrote, prophetengefeierte; --
Du bist wie die Ros im Ratskeller zu Bremen!
Das ist die Rose der Rosen,
Je �lter sie wird, je lieblicher bl�ht sie,
Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,
Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,
Und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,
Der Ratskellermeister von Bremen,
Ich w�re gepurzelt!

Der brave Mann! wir sa�en beisammen
Und tranken wie Br�der,
Wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen,
Wir seufzten und sanken uns in die Arme,
Und er hat sich bekehrt zum Glauben der Liebe --
Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde,
Und allen schlechten Poeten vergab ich,
Wie einst mir selber vergeben soll werden --
Ich weinte vor Andacht, und endlich
Erschlossen sich mir die Pforten des Heils,
Wo die zw�lf Apostel, die heilgen St�ckf�sser,
Schweigend predgen, und doch so verst�ndlich
F�r alle V�lker.

Das sind M�nner!
Unscheinbar von au�en, in h�lzernen R�cklein,
Sind sie von innen sch�ner und leuchtender
Denn all die stolzen Leviten des Tempels
Und des Herodes Trabanten und H�flinge,
Die goldgeschm�ckten, die purpurgekleideten --
Hab ich doch immer gesagt,
Nicht unter ganz gemeinen Leuten,
Nein, in der allerbesten Gesellschaft,
Lebte best�ndig der K�nig des Himmels!

Halleluja! Wie lieblich umwehen mich
Die Palmen von Beth El!
Wie duften die Myrrhen vom Hebron!
Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! --
Auch meine unsterbliche Seele taumelt,
Und ich taumle mit ihr, und taumelnd
Bringt mich die Treppe hinauf, ans Tagslicht,
Der brave Ratskellermeister von Bremen.

Du braver Ratskellermeister von Bremen!
Siehst du, auf den D�chern der H�user sitzen
Die Engel und sind betrunken und singen;
Die gl�hende Sonne dort oben
Ist nur eine rote, betrunkene Nase,
Die Nase des Weltgeists;
Und um die rote Weltgeistnase
Dreht sich die ganze, betrunkene Welt.

X

Epilog

Wie auf dem Felde die Weizenhalmen,
So wachsen und wogen im Menschengeist
Die Gedanken.
Aber die zarten Gedanken der Liebe
Sind wie lustig dazwischenbl�hende,
Rot und blaue Blumen.

Rot und blaue Blumen!
Der m�rrische Schnitter verwirft euch als nutzlos,
H�lzerne Flegel zerdreschen euch h�hnend,
Sogar der hablose Wanderer,
Den eur Anblick erg�tzt und erquickt,
Sch�ttelt das Haupt,
Und nennt euch sch�nes Unkraut.
Aber die l�ndliche Jungfrau,
Die Kr�nzewinderin,
Verehrt euch und pfl�ckt euch,
Und schm�ckt mit euch die sch�nen Locken,
Und also geziert, eilt sie zum Tanzplatz,
Wo Pfeifen und Geigen lieblich ert�nen,
Oder zur stillen Buche,
Wo die Stimme des Liebsten noch lieblicher t�nt
Als Pfeifen und Geigen.

Book of the day: